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Daniel Birnbaum, der Rektor der renom-mierten Städelschule in Frankfurt ist Kosmopolit und Kunst-kenner. Er kann auf Erfahrungen in der internationalen Kunst-szene zurückblicken. Nun lenkt er die Geschicke einer der angesehensten Künstler-Schmieden nicht nur Deutsch-lands, sondern weltweit. Ganz unprät-entiös gab er uns Einblicke in die Welt der Kunst, sein Verhältnis zu Frankfurt und seiner Kunstszene.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Frankfurt im Vergleich zu anderen großen Kunst-metropolen?
Für eine Kunsthochschule ist Frankfurt ein sehr guter Platz. Man muss nicht mitten im Kunstmarkt sitzen. In Frankfurt kann man fast jeden für einen Vortrag kriegen. Sogar Herr Kohlhaas, der Architekt, kann nicht einfach sagen, nein das geht nicht, ich habe keine Zeit. Er ist 2 Mal im Monat an diesem Flughafen. Es ist ein Klischee, dass der Flughafen so wichtig ist, aber für uns schon, wenn man Leute einlädt. Frankfurt ist keine sehr wichtige Stadt für Galerien, aber für uns ist das kein großes Problem, weil für eine Schule die Distanz zum Kunstmarkt gar nicht so schlecht ist. Für die Größe der Stadt gibt es hier eine sehr lebhafte Kunst-Szene.

In der Vergangenheit gab es ehrgeiz-ige Projekte zum Thema Kunst, wie das Museumsufer. Wie sieht es aktuell mit der Unterstützung aus der Politik aus?
Als ich hier vor fünf Jahren anfing, ging es schon nach einem halben Jahr los, da wurden das TaT und das Frankfurt Ballett einfach gestrichen. Wir sind eine 200 Jahre alte Kunstakademie, so etwas kann man nicht einfach streichen. Aber in dem Moment, als William  Forsythe, der vielleicht bekannteste Künstler dieser Stadt, einfach gekündigt wurde, da fühlte sich niemand besonders sicher. Es gab eine absolut schwierige Situation. Vor ein paar Jahren war es eine Finanzkrise. Im Moment sieht es aber recht akzeptabel aus. Wir hoffen auf die Unterstützung des neuen Kulturdezernenten.

Wie sehr ist man in der Kunst abhängig von privatem Sponsoring?
Ausbildung sollte staatlich finanziert werden. Dass die Stadt uns die grundlegende Finanzierung leistet, ist uns sehr wichtig. Natürlich gibt es Sponsoren für alle mög-lichen speziellen Projekte. Über Sponsoren haben wir hier ein Fotolabor einrichten können, Studenten können durch Sponsorenunterstützung z.B. nach New York gehen. Eine besondere Situation ist natürlich der Portikus, die Kunsthalle, die ein Teil der Schule ist. Die wird komplett von der Stadt finanziert. Wenn wir Sponsoren suchen, suchen wir solche, die wir als Partner und Unterstützer sehen. Im Moment haben wir eher mit Stiftungen zu tun. Die betreiben das ganz professionell, die reden uns inhalt-lich nicht rein.

Wie lebendig ist eigentlich die Kunst-landschaft in Frankfurt. Das Zusam-menspiel zwischen Museen und Galerien?
Schon sehr spannend. Es gibt viele junge Leute die hier studiert haben, die nicht mehr in Frankfurt leben, da Frankfurt ziemlich teuer ist, die aber für die Kunstszene sehr wichtig wären. Es gibt gute Galerien, die mit uns oder der HfG arbeiten, es gab schon immer Orte hier, die sehr spannend waren. Die „fine art fair“ Messe in Frankfurt. Es kann sein, dass sie eine Chance hat, neben den großen Kunstmessen zu bestehen.

Es gibt auch so ein Stichwort „Made in Frankfurt“. Gibt es so etwas wie einen Frankfurter Stil – analog der Leipziger Schule?
Ich glaube nicht - die Leibziger Schule ist auch keine richtige Schule, das ist eine Marktstrategie, eine konstruierte Marketing-maschinerie. In Frankfurt könnte so was kaum entstehen, weil es kosmopolitischer ist als andere Städte. 40 % unserer Studenten kommen aus dem Ausland. Ich finde es so 1000 Mal spannender. Im Moment sehe ich sehr viele Leute, die bei uns studiert haben in den Galerien. Die kann man aber nicht als Frankfurter Schule präsentieren. Das sind sehr viele unterschiedliche Leute - aber einen Frankfurter Stil gibt es nicht.

Hat jemand, der die Städelschule be-sucht hat und sein Studium erfolgreich abgeschlossen hat, eine Chance von seiner Kunst leben zu können?
Das ist eine schwierige Frage und statistisch gesehen ist es so, dass nur sehr wenige Künstler von der Kunst leben können. Die Schule kann keine Karriereschmiede sein, ein Ort nur für junge Karrieristen. Gleich-zeitig muss ich zugeben, dass es mich freut, wenn ich sehe, dass jemand eine Ausstel-lung macht in ganz berühmten Galerien in Berlin oder sogar New York. Da wird man hier als Professor oder Rektor natürlich glücklich und stolz, dass Leute so weit kommen. Ich weiß nicht, ob das mehr als 10% sind, die wirklich ausschließlich von der Kunst leben können.

Es gibt einen Trend: Immer jüngere Künstler, teilweise Studenten werden vom Markt aufgesogen. Ist der Markt reif dafür?
Der Kunstmarkt hat noch nie so geboomt wie jetzt, noch nicht mal in den 80er Jahren. Jetzt ist alles größer  und internationaler geworden, es geht um noch mehr Geld.  Das Interesse an der ganz jungen Kunst folgt manchmal den falschen Überlegungen und Phantasien. Das  kann manchmal sehr destruktiv sein. Student zu sein, bedeutet auch eine gewisse Freiheit zu haben - im Kopf zumindest. Es bedeutet , dass sie probieren und auch gerne scheitern sollen. Wenn das gleich in der Öffentlichkeit passiert, dann ist irgendwas verloren gegang-en. Wir hatten das kürzlich unter den Profes-soren thematisiert, weil die Auffassungen da auch sehr unterschiedlich sind. Wir sind alle selbst heftigst im Kunstmarkt unterwegs und da soll es der schlaue 25-jährige Student anders machen? Beim letzten Rundgang kamen ungefähr 10.000 Menschen. Da kom-men Leute, kaufen ein bisschen Kunst ein. Auch einige von den Hauptgaleristen Deutsch-lands tauchen hier plötzlich auf. Es wäre doch schade, wenn es andersrum wäre und niemand hätte Interesse …

Wo hört Kunst auf und wo fängt der Kommerz an? Wie zum Beispiel James Rizzi, wo man weiß, da steht eine ganze Produktionsmaschinerie dahinter.
Daniel Birnbaum: Eine gute Frage. Es gibt schon einige Beispiele, da denkt man einfach, das ist echt zu doof und das ist eine reine Marketinggeschichte. Aber gleichzeitig bin ich schon begeistert von Jeff Koons. Natürlich gibt es kitschige Sachen, er will aber auch kitschig sein. Natürlich ist er kommerziell, aber er operiert in der kommerziellen Welt. Genau wie Andy Warhol, der sich sehr nah am Kommerz bewegt hat, kann man sich Jeff Koons nicht wegdenken. Es gibt Sachen, wo ich denke, das ist nicht mehr innovativ als Kunst, es hat dann einfach die Vermarktungs-strategien verinnerlicht und ist zum Schluss auch identisch damit geworden.

Was ist Ihre Meinung zur Fotografie als Kunstform?
Irgendwann in den späten 80ern hatte fast die Fotografie die Rolle der Malerei übernommen. Da kam vor allem die Düsseldorfer Schule, alles ein bisschen sachlicher. Es kam eine neue Technologie, mit der man sehr große Drucke machen konnte. Da hat die Fotografie den Kunstmarkt erobert. Seitdem hat es sich vielleicht ein bisschen verallgemeinert  und die Fotografie ist sehr präsent in der Kunst. Unserem  Professor Wolfgang Tillmann, einer der berühmtesten Fotografen überhaupt, war es wichtig, dass er eine Klasse für Kunst leitet und nicht nur Fotografie. Er wollte das nicht mit ganz strikter Disziplin sehen, auch wenn natürlich viele Leute zu ihm kommen, weil sie wissen, dass er ein interessanter Fotograf ist.

In der Vergangenheit wurde Fotografie als Kunst für immense Summen ver-kauft. Lumas kam auf die Idee, Fotos als limitierte Kleinserien anzubieten. Wie finden Sie das?
Ich finde es sehr spannend. Es gibt viele Künstler, die haben das als eine große demo-kratische Gefahr angesehen. Aber das war auch ein Teil der Pop-Art. Ich finde solche Initiativen super spannend. 

Sehen Sie Architektur als Kunst? Archi-tekten wie Santiago Calatrava oder Zaha Hadid schaffen Nutzflächen mit der Anmutung einer großen Skulptur.
Angewandte Kunst ist auch Kunst, sie hat natürlich nicht nur ästhetische Qualitäten, sondern auch funktionale. Es kippt auch manchmal, so dass es nicht mehr funktioniert, sondern einfach nur interessant aussieht. Neben Calatrava und Hadid  kann man auch unseren eigenen Professor Ben van Berkel dazu zählen. Ben van Berkel hat gerade das Mercedes Benz Museum realisiert in Stuttgart. Das ist natürlich eine Skulptur. Wenn man Museen baut, ist es ein Problem und das wird immer wieder  in der Kunstwelt thematisiert, dass das Haus die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht und es gar nicht so toll als Ausstel-lungsfläche funktioniert. Keiner fährt ins Gug-genheim-Museum, um eine Picasso-Ausstel-lung zu sehen, sondern das Museum. Das ist ein Problem. Die Architektur steht in Konkurrenz mit der Austellung.

Haben Sie einen Tipp für Neulinge im Rhein-Main Gebiet, die sich einen Über-blick über die Kunstlandschaft verschaf-fen möchten?
Es kommt darauf an, wie viel Zeit man hat. Die Institutionen hier sind sehr aktiv und haben auch überregionale Präsenz und wenn man regelmäßig in den Kunstverein geht, in die Schirn und das MMK, dann kriegt man schon mit, was in der Kunstwelt so los ist.

Und wenn man sich für ganz junge Sachen interessiert, dann kann man zu unserem Rundgang kommen, der ist ja nur einmal im Jahr und ja eher wie eine Party. Da sind sehr viele Leute, die hierher kommen und einfach mal ein Glas Wein trinken, da geht’s mehr um die Atmosphäre. Ich denke schon, dass Frankfurt eine von den deutschen Städten ist, wo man einen guten Blick in die Gegenwartskunst bekommen kann. (TK)



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